100 Tage Indien!

Namaskara!

Seit 100 Tagen bin ich nun in Indien, Grund zu feiern! Denn es waren wundervolle, aufregende, spannende, abwechslungsreiche und unglaubliche 100 Tage, ich würde auf keinen einzigen verzichten wollen.
Da ich vom Bundesministerium während meines Indien Jahres gefördert werde, habe ich mich verpflichtet drei Berichte zu schreiben, einen nach drei Monaten, einen nach sechs und einen, nachdem ich wieder zurück bin. Der erste Bericht war nun fällig, hier ist er:

„Da steht man dann plötzlich, mitten in Indien und das, obwohl man gerade eigentlich noch zuhause war, wohl behütet, Schüler, den Kopf voller Wünsche und Träume um eine glänzende Zukunft, der festen Überzeugung man wüsste alles, wäre auf alles vorbereitet. Ja, und dann steht man halt in Indien und plötzlich wird einem klar, dass man eigentlich gar nichts weiß.

Seit drei Monaten lebe ich nun hier, in einem Projekt in Südindien, knapp zwei Stunden von der nächstgrößeren Stadt Mysore entfernt und damit ziemlich Abseits von… allem. Chamarajanagara ist keine kleine Stadt, zumindest nicht, was deutsche Verhältnisse angeht. Aber hier in Indien ist sie wie ein Dorf. Alles, was man bisher gewohnt war, ist hier unvorstellbar. Ein Supermarkt? Fehlanzeige. Irgendwelche Freizeitaktivitäten? Fehlanzeige. In meiner ersten Woche hier war das nicht unbedingt ein Schock, man hatte sich ja schon auf so etwas vorbereitet, aber es war ungewohnt, sehr ungewohnt. Allerdings hat es auch nicht lange gedauert, bis ich die kleinen Straßenstände lieb gewonnen hatte, dort gibt es schließlich auch alles zu kaufen und das oft deutlich günstiger.
Mein Projekt liegt mehr oder weniger an der Stadtgrenze, ins Zentrum läuft man bei einem gemächlichen Gang, der dank des schwülen Wetters angemessen ist, gut 15 Minuten. Das hat eigentlich nur Vorteile. Hier ist es verhältnismäßig ruhig, kein ständiges gehupe der Autos, keine schreienden Menschen (mal abgesehen von dem Muezzin der Moschee nebenan, der sich mehrmals am Tag zu den unmöglichsten Zeit zu Wort meldet). Außerdem hat man von unserer Dachterrasse einen wunderbaren Blick auf die Berge und morgens eine tolle klare Luft. Das man bei Regen hier dank der Sandwege niemals sauber und trockenen Fußes herkommt, nimmt man dafür gerne in Kauf, es regnet ja sowieso fast nie.
Zusammen mit Maike, einer weiteren Freiwilligen aus Deutschland, teile ich mir ein recht großes Zimmer und wir haben hier alles, was man zum wohlfühlen braucht: Ein großes Bett, einen Kleiderschrank, viele Bücher und ein eigenes Bad mit europäischer Toilette (ein Luxus, den man hier wirklich zu schätzen lernt). Vor Indien kannten wir uns nicht, umso erstaunlicher finden wir es beide immer wieder, wie gut wir uns auch jetzt noch verstehen. Ich glaube die längste Zeit, die wir uns hier einmal nicht gesehen haben, war sechs Stunden. Aber man lernt hier in Indien sowieso sich mit ungewohnten Dingen und Situationen zu arrangieren, erstens, weil man weiß, dass es ja sowieso nur für ein Jahr ist, warum also Stress machen, und zweitens, weil alle hier so gelassen auf jedes Problem reagieren, da muss man sich dann einfach eine Scheibe von abschneiden. Für diese Ruhe bewundere ich die Inder sehr. Für ihren Umgang mit Informationen und der Zeitplanung weniger. Oft heißt es hier: Wir machen heute dies und das und fünf Minuten vorher erfährt man dann, dass es doch nicht gemacht wird, dass es verschoben wird oder, dass der ganze Plan einfach nur geändert wurde. Flexibilität ist hier alles. Das wirkt sich dann auch sehr auf meinen Alltag hier aus. Während der erste Monat von der Frage geprägt war, wofür man eigentlich hier ist und was man machen soll, habe ich jetzt feste Aufgaben. Morgens Zeit mit den Mädchen verbringen, in der Vorschule arbeiten, Nachmittags mit den Jungs spielen und Abends beim englisch lernen helfen. Aber wie gesagt, Informationen kommen hier meistens erst kurz vor knapp an, so heißt es morgens dann manchmal: „Heute ist gar keine Schule, es wird gestreikt, hatten wir euch das nicht gesagt?“ und schon ist der geplante Tagesablauf hin. „Es kommt eh alles ganz anders als du denkst“, ich schätze das ist inzwischen zu meinem Mantra hier geworden.

Aber kommen wir mal wieder zurück zu meinem Projekt: Deenabandhu ist ein Kinderheim, in dem Jungen und Mädchen im Alter von 3 bis 18 Jahren leben und das aus insgesamt drei Geländen besteht, die jeweils nur wenige Gehminuten voneinander entfernt liegen. Da wäre einmal das Gelände, auf dem die Jungs leben, auf dem die Küche ist und wo auch ich wohne. Ein Stückchen weiter ist das Haus der Mädchen, erst vor wenigen Jahren gebaut und noch dementsprechend neu. Und in Sichtweite des Mädchenhauses steht die Deenabandhu Primary School, in der ich einen Teil meiner Zeit verbringe. Als ich, noch in Deutschland, die Projektbeschreibung las, habe ich mir alles ganz anders vorgestellt aber jetzt wo ich hier bin, denke ich, dass es nicht besser sein könnte. Ich habe 80 unglaublich nette, fröhliche und liebenswürdige Kinder um mich, die mir mit jedem Tag wichtiger werden, ich arbeite mit Menschen zusammen, die so aufgeschlossen sind, wie ich es selten erlebt habe und die mich und Maike aufgenommen haben, als würden wir schon immer zu ihrer Familie gehören. Ich habe hier fast alle Freiheiten und kann meinen Urlaub planen, wie ich es will („Wir möchten ja, dass ihr etwas von unserem Land seht!“). Als Maike gleich zu Beginn ein wenig krank war, sprang alles im Dreieck, damit es ihr auch an ja nichts fehlte und als wir vor wenigen Wochen aus dem Urlaub zurück kamen, wurden wir so freudig begrüßt, als ob wir jahrelang fort gewesen wären. Es ist ein schönes Gefühl, mit dem ich hier jeden Morgen aufwache.

Man kommt mit vielen Erwartungen und Vorstellungen nach Indien und so unterschiedlich sie bei jedem Menschen wohl auch sein können, ich denke Indien ist ein so vielseitiges Land, dass ich mir inzwischen sicher bin, dass es hier durchaus möglich ist, dass sie fast alle erfüllt werden. Man erwartet einen katastrophal chaotischen und lauten Verkehr? Das stimmt. Man sucht Ruhe und inneren Frieden? Geht hier genauso.
Ich kann nicht mal genau sagen mit welchen Vorstellungen ich hier her kam, außer, dass ich sie für relativ realistisch hielt. Aber wie gesagt, Indien ist so vielseitig, ich hätte auch viel anderes erwarten können und es wäre wohl auf die ein oder andere Art zugetroffen.“

Liebe Grüße,
Cécile

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3 Gedanken zu “100 Tage Indien!

  1. 100 Tage schon!
    Du kannst echt richtig gut schreiben! Das Leben in Indien muss wirklich schön sein! :-)
    (Auch schön sonnig, hier sieht man die sonne ja schon seit tagen nicht mehr… ;-) )

  2. Alles so schön anschaulich beschrieben, dass man am liebsten sofort zu Dir reisen würde. Schön, dass auch nach drei Monaten Indien immer noch Dein Traumland ist. Wir gehen hier auf den langen deutschen Winter zu und allein die Aussicht auf Sonne lässt einen vom Reisen träumen…

  3. Hallo Cécile, es ist schön, dich so fröhlich und entspannt ,so neugierig und zufrieden zu sehen. Deine Berichte zu lesen macht wirklich Spaß. 100 Tage – so lang und so kurz ?! Alle guten Wünsche für Dich von Barbara

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