Ein halbes Jahr Indien

Sonnenaufgang

Namaskara!

Ein halbes Jahr bin ich nun in Indien, das sind sechs Monate oder auch 26 Wochen, aber auf jeden Fall eine ganze Menge Zeit. Eines ist mir inzwischen ganz deutlich bewusst geworden: Es ist ein riesen Unterschied, ob man als Tourist für kurze Zeit hier ist, oder ob man hier lebt. Vieles habe ich einfach erst nach mehr als drei Monaten begriffen und verstanden, Indien kann man einfach nicht in ein paar Wochen wirklich erleben. Vielleicht reicht dafür nicht einmal ein ganzes Leben.

Hier mein Halbjahresbericht:

„Ich weiß noch ziemlich genau, dass ich vor einem Jahr versucht habe mir vorzustellen wie es mir jetzt grade in Indien gehen würde, jetzt, nach einem halben Jahr in der Ferne. Meine Zusage für den weltwärts-Platz war noch keine Woche alt und mein Kopf schon voller Vorstellungen.
Sie kommen alle nicht an die Wirklichkeit heran, einfach weil es schlicht nicht möglich ist, sich das hier alles vorzustellen, wenn man es nicht selber erlebt. Ich kann schreiben und erzählen so viel ich will, Freunde und Familie zuhause in Deutschland werden nie richtig verstehen können, wie es hier ist. Ich konnte es ja auch nicht.
Indien ist auch jetzt noch, nach einem halben Jahr hier, mein Traumland. Sicher sehe ich vieles inzwischen etwas nüchterner, nicht alles was glänzt, ist Gold, aber mein Motto hier war bisher „Es gibt so viel Schönes und Wunderbares hier, warum dem Schlechten mehr Aufmerksamkeit als nötig schenken?“ und das wird auch das nächste halbe Jahr so bleiben. Trotzdem schadet es vielleicht nicht auch einmal auf die Dinge aufmerksam zu machen, die mich stören, mir nicht mehr aus dem Kopf gehen oder mich schlichtweg nerven, schließlich wird diesen Bericht ja vielleicht auch mal jemand lesen, der selber grade seine Zusage für sein Auslandsjahr in Indien bekommen hat.
Zum einen wäre da dieses ständige Gefühl, der Ausländer und Tourist zu sein. Ich bin nun mal hellhäutig und das wäre an sich auch sicher nicht das Riesenproblem, es ist nun mal so, aber die Beständigkeit, mit der man hier daran erinnert wird, einfach weil man pausenlos angestarrt wird sobald man aus der Tür tritt, ist unglaublich nervig. Dazu kommt, dass ich unübersehbar eine Frau bin. Und das treibt mich hier manchmal zur Verzweiflung. Ich war nie ein Fan von Burkas aber inzwischen habe ich Situationen erlebt, in denen ich mir nichts sehnlicher gewünscht habe als mich verhüllen zu können, verstecken vor den Blick der Menschen – und vor denen der Männer. Dass das Verhältnis zwischen Frauen und Männern hier ein anderes ist als bei uns, war mir klar bevor ich hergekommen bin, natürlich, aber es ist etwas ganz anders darüber zu lesen oder in den Nachrichten zu hören, als es selber zu erleben. Die Blicke, die Dinge, die die Männer einem hier nachrufen, die Hände, die manchmal „ausversehen“ und manchmal ganz eindeutig völlig beabsichtigt auf und an mir landen, das alles lässt mich ernsthaft darüber nachdenken, ob ich gerne eine Frau bin. Und dann immer diese Fragen im Kopf: „War das jetzt meine Schuld? Habe ich das provoziert? Sollte ich vielleicht doch etwas tragen, was auch noch meine Ellenbogen bedeckt?“ Und das finde ich sehr, sehr erschreckend. Ich bin mit dem Wissen aufgewachsen, dass ich genauso viel wert bin wie die Jungen um mich herum. Ich kann genauso viel erreichen, ich bin genauso schlau und ich habe die gleichen Rechte. Und dann bin ich in Indien und stelle das alles in Frage. Bin ich genauso viel wert? Habe ich die gleichen Rechte? Ganz offensichtlich nicht. Nicht hier. Durch den Vorfall und die damit verbundene Lawine an mehr oder weniger sinnvollen Diskussionen über die Geschehnisse in Delhi lassen mich mehr denn je darüber nachdenken. Erst vor ein paar Tagen saß ich in einem Bus voller Männer und habe ernsthaft erwogen wieder auszusteigen und den nächsten zu nehmen – obwohl ich angemessen gekleidet war und keinen der Männer auch nur in minimalster Weise hätte provozieren können, und trotzdem kam mir der Gedanke, dass allein die Tatsache, dass ich eine Frau bin, wohl Provokation genug wäre. Das ist sehr schade. Denn Indien ist natürlich nicht nur „so“ und ich weiß das auch. Aber wissen es auch all die Leute da draußen, die das alles nur durch den Fernseher mitbekommen? Wissen die von all den Menschen die hier aufbegehren – Frauen UND Männer – und sich für ein anderes Indien einsetzen, eines in dem Frauen genauso viel wert sind wie Männer, oder sehen sie nur das Schlechte? Liebe Leute, lasst euch gesagt sein, Indien ist groß, hier ist nicht alles nur schwarz/weiß, jede Medaille hat zwei Seiten, und ich habe definitiv schon mehr höfliche als unhöfliche Männer hier getroffen.
Genug von dem Thema und der Meckerei, denn das ist wirklich das Einzige, was mich hier stört. Darüber, dass meine rechte Hand andauernd nach Curry riecht, kann ich hinwegsehen, und auch darüber, dass ein Problem hier so gut wie nie direkt angesprochen wird, sondern immer nur über fünf Ecken. Viel mehr lohnt es sich zu erwähnen, dass ich im Laufe des halben Jahres endlich alle Namen der Kinder gelernt habe, was eindeutig schwieriger war als es sich anhört, sie heißen eben nicht alle Anna oder Tim, und, dass mein Kannada-Wortschatz sich nicht mehr nur auf „Saku“ („Genug“) und „Beda“ („Nein danke“) begrenzt, sondern ein paar Wörter hinzugekommen sind, und das ganz ohne Sprachunterricht. Viel besser verstehen kann ich jetzt auch die ständige Fragerei nach dem Essen. „Hast du gefrühstückt?“ – „Hast du Tee getrunken?“ In Deutschland wird gefragt wie es einem geht und hier halt, ob man schon gegessen hat.
In meinem Projekt läuft es weiterhin sehr gut. Während ich am Anfang mehr Gast als Mitarbeiter war, habe ich inzwischen einige Aufgaben. Dass Gefühl, dass ich hier als Arbeitskraft gebraucht werde, hatte ich im Dezember das erste Mal, als die Hälfte des Personals ohne viele Worte einfach verschwand und ich plötzlich richtig mit Anpacken mussten. Trotzdem frage ich mich manchmal, ob ich mein gestelltes Arbeitspensum hier erfülle, denn das ist sehr schwer zu sagen. Da ich die ganze Zeit im Projekt bin und hier wohne, wechseln sich Freizeit und Arbeit manchmal so schnell ab, dass ich es kaum trennen kann. Manchmal frage ich mich dann, ob es nicht besser wäre in einer Gastfamilie zu wohnen und geregelte Arbeitszeiten zu haben. Trotzdem hat das ganze natürlich auch Vorteile, meistens kann ich meine Arbeitszeiten zum Beispiel so auf den Tag verteilen, dass ich, trotz der verschiedenen Zeitzonen, mit Freunden auf der ganzen Welt telefonieren kann.

Eine der schönsten Sachen die sich hier in den letzten Monaten entwickelt hat, ist meine Freundschaft zu Keerthi, einer jungen Frau die bei mir im Projekt im Büro arbeitet. Ebenso tolle und interessante Gespräche kann ich mit zwei der Mädchen aus dem Kinderheim führen, die etwa in meinem Alter sind.
Und nun gibt es gar nicht mehr viel zu sagen, außer, dass ich mich sehr auf die nächsten sechs Monate freue, denn sie werden mit Sicherheit ebenso spannend, lustig und schön wie das vergangene halbe Jahr.“

Liebe Grüße,
Cécile

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