Ein verspäteter Abschlussbericht

Als ich im Sommer 2013 aus Indien zurück gekommen bin, fand ich dafür auf dem Blog nur ein paar kurze Worte. So gerne ich ein Jahr lange aufgeschrieben hatte, wie das Leben in Indien so war, so unwichtig war es plötzlich als ich zurück kam. Es war mehr ein lästiges Pflichtgefühl etwas zu beenden was ich begonnen hatte. Natürlich wollte ich die Fotos meiner wunderbaren Willkommensparty zeigen aber um wirklich Worte zu finden, wie das so ist „zurück zu kommen“ – dafür fühlte ich mich nicht bereit. Dabei kreisten meine Gedanken noch lange darum – ich denke es ist klar, dass man nach so viel Zeit in einer fremden Kultur den „Schalter“ nicht einfach wieder umlegen kann.

Aber nach einer sehr aufregenden Zeit im Ausland folgte eine nicht minder aufregende Zeit in Deutschland. Ich traf meine Freunde wieder, lernte neue Leute kennen, genoss den Luxus, den ein Leben im Westen so bietet und mit dem Studium begann schließlich ein neuer Lebensabschnitt und ich wollte das alles so dringend, dass für Indien einfach kein Platz mehr blieb.

Ich habe damals noch lange und sehr intensiv von Indien geträumt, oft sehr schlecht, und im Nachhinein denke ich, es wäre besser gewesen dieser Zeit einen angemessenen Abschluss zu geben, aber zwischen all den „Und, wie war es in Indien?“ und „Erzähl mal, wie ist Indien so?“ wurde mir das Thema zu viel. Schlussendlich wollten die meisten von mir auch nur eine Zusammenfassung in maximal vier Sätzen. Aber wie soll man ein Jahr in vier Sätze fassen? Wie soll das da rein passen? Das soll kein Vorwurf an die Leute sein die sich erkundigt haben, auch jetzt noch bin ich unglaublich dankbar für das Interesse was meinem Frewilligendienst entgegen gebracht wurde, aber es war eine schwierige Situation für mich. Ich wollte weder den Eindruck erwecken, dass alles super toll gewesen war, noch, dass ich irgendwas bereuen würde oder keine schöne Zeit gehabt hätte. Aber es war eben so viel mehr. Es wurde mir auch zunehmend unangenehmer immer wieder zu hören, wie toll das war, was ich gemacht habe – als ob ich jemanden gerettet hätte. Ich habe bis heute das Gefühl, dass Indien mir mehr gegeben hat als ich irgendwem dort.

Vor vier Jahren bin ich aus Indien zurück gekommen, das ist eine Menge Zeit um darüber nachzudenken. Ich würde es jederzeit wieder so machen und ich würde an keinem anderen Ort als Chamarajanagar landen wollen. Ich mache mir inzwischen keine Gedanken mehr darüber, dass ich mehr hätte leisten können. Ich war 19 und gerade mit der Schule fertig, ich hatte weder besonders viel Lebenserfahrung noch eine Vorstellung davon wie man Kinder unterrichtet, geschweige den welche, die eine andere Sprache sprechen als ich. Ich habe das gegeben, was ich damals geben konnte. Ich wäre gerne mehr gereist und ich hätte mir gerne mehr Mühe gegeben Kannada zu lernen. Ich wäre gerne geduldiger mit den Kindern gewesen und geduldiger mit mir. Auf manche Erlebnisse hätte ich gerne verzichtet, vieles andere hätte ich mehr schätzen sollen. Ich würde mir wünschen, dass mein Jahr in Indien für mich nicht so unweigerlich mit dem Tod eines geliebten Menchen verbunden wäre und ich weniger Zeit mit der Frage verbracht hätte, ob es etwas geändert hätte, wenn ich niemals gegangen wäre.
Letztendlich bin ich am Ende meiner Gedanke aber immer wieder zu dem Schluss gekommen, dass ich nicht auf mein Leben in Indien verzichten wollen würde.

„Und, wie war es in Indien?“ – Es war toll, wirklich schön. Ich würde es jederzeit wieder so machen. Aber es gibt eine Menge was man nicht in Worte fassen kann, vieles was ein „Daheimgebliebener“ nicht verstehen wird. Aber das ist okay so, inzwischen ist das okay für mich.

„Indien hat mir Angst gemacht und sie mir gleichzeitig genommen.“

– Rainer Thielmann

Das Leben ist schön

Advertisements

Ein Gedanke zu “Ein verspäteter Abschlussbericht

  1. Vielen Dank fürs Teilen deiner Gedanken, es ging mir ganz ähnlich als ich aus Ghana zurück kam. Es lässt einen irgendwie nie los.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s